Hotel Existenz

Ein Blog über Wiederbelebungsmaßnahmen verlassener Gebäude/ Edit: Ein Blog über die Suche nach dem vergessenen Paradies

Die Frau Titanik – Angriff auf das Paradies

 

Heute der angekündigte Auszug aus dem noch unveröffentlichten Roman „Die Frau Titanik“ von Lio Re!

 
Sie zieht die Vorhänge vor, damit sie allein sein kann. Weiße Vorhänge, die nach Staub und Schimmel riechen, wenn man die Nase in den klammen Stoff drückt. Auch an diesem Abend vergräbt Mariette kurz ihr Gesicht darin, versinkt für einen kleinen Augenblick, dann zieht sie ihre Schuhe aus – rote, schöne Schuhe – stellt sie sorgfältig neben den weißen Holzstuhl, von dem die Farbe bereits abblättert. Sie hat ihn auf der Straße gefunden – genauso wie den kleinen Blechtopf, in dem sie ihr Teewasser heiß macht, und das Bild, das sie notdürftig mit Klebeband an einer der Glaswände befestigt hat. Manche würden vielleicht sagen, dass es ein kitschiges Bild sei, aber Mariette gefällt es. Rose gefällt es.
Wellen. Turmhoch. Ein dunkler Himmel. Wolkenwände – aufgequollen und bedrohlich und in all diesem Elend, mitten im Herz der schrecklichsten Naturgewalten das Schiff. Wären da nicht die beleuchteten Fenster, dann würde es gar nicht auffallen. Aber diese kleinen, rechteckigen, gelben Fenster sagen, dass alles gut ist. Als wäre das Schiff der Hafen selbst.
Mariettes Hafen ist genau hier. Wenn sie ihren abendlichen Gang durch die Passage beendet hat und sie an den Laternen, die nicht mehr leuchten, vorbei geht in ihren winzigen Glaspalast, dann ist sie ganz zu Hause.
Gleich kann sie träumen. Wenn der Schlaf endlich kommt und die Matratze mit den Stockflecken auf der Unterseite sacht zu schwanken beginnt, wenn ein Meer rauscht, dass es eigentlich gar nicht gibt in dieser Stadt… Dann wird Rose mit den Fingerspitzen nach dem Anhänger an ihrem Hals tasten, sich das schwere Silber vorsichtig über den Kopf ziehen. Ihr Haar verfängt sich jedes Mal darin. Ihr schweres, rotes Haar, das sich auffächert, wenn sie tanzt, wenn sie sich dreht und kurz die Hand dieses Jungen berührt, dem sie ihr wirkliches Herz geschenkt hat. Ihr pochendes, rotes Herz, das so aufgewühlt ist. Es sind die schönsten Tage gewesen an Bord der Titanik. Es waren berauschende, unwirkliche Tage. Alles war neu. Alles war viel zu groß und doch genau richtig. In ihr zieht sich etwas zusammen, wenn sie daran denkt. 
Manchmal ist die Welt eben zu klein. Mariette sucht immer noch nach etwas, von dem sie nicht weiß, was es ist. Aber wenn sie hier ist, hier in der Passage, in diesem zerbrechlichen Koloss aus Glas und Metall, dann ist das Bohren in ihrem Inneren nicht mehr so schmerzhaft. Sie hat Angst vor dem Tag, an dem sie gehen muss – aber noch ist es nicht so weit. Noch gibt es die Träume und die Einsamkeit, in der sie die sein kann, der sie wirklich ist. Die schöne Rose, nach der sich jeder umdreht und die jeden zum Lächeln bringen kann, wenn sie nur will.
Mariette rollt sich auf ihrem Lager zusammen, atmet eine Weile. Die Kette hält sie fest in ihrer Hand. Sie wirft, die Augen halb geschlossen, noch einen Blick nach oben. Das gläserne Dach ist staubig und Blätter und tote Fliegen haben darauf ihr Grab gefunden, aber den Himmel sieht sie trotzdem. Er ist überall der gleiche. Nur sieht man mehr Sterne auf See. Da gibt es keine Leuchtreklame und Ampeln, die den Himmel so rot und diesig machen, wie er es hier so oft ist. 
Marietta schließt die Augen, dreht sich auf die Seite, legt die Kette vorsichtig auf den kühlen Boden. Niemand wird herkommen und sie ihr wegnehmen. Niemand ist hier… und doch… Als ihr Atem ganz still wird und der Schlaf sich schon nähert, als alles langsam verschwimmt und ihre Glieder zu Stein werden, ist da plötzlich eine heftige, bohrende Angst.
Ihr Hafen wird geflutet, die Sicherheit, die das Leben in ihrem Glasschiff mit sich gebracht hat, einfach weggeschwemmt.
Jemand ist hier.
Dumpfe Schritte. Mariette setzt sich auf, ihre Finger umschließen wie automatisch die Kette zu ihrer Linken. Ihr Herzschlag ist das einzige, was in diesem Moment noch wirklich ist – das heftige, wilde Stampfen in ihrem Brustkorb, der fast auseinanderreißt. Der Rest Realität geht ihr verloren. Sie stolpert über die Kiste mit all den Dingen, die sie im Laufe der letzten Jahre auf Flohmärkten erstanden hat. Schöner Krimskrams, das meiste davon völlig nutzlos. Funkelnde, wunderbare Dinge. Der Delfin… Schwer und aus Silber. Ein Flaschenöffner, obwohl Mariette kein Bier trinkt. Sie hat ihn gekauft, weil er genauso zum Meer gehört, wie Rose. Und jetzt greift sie danach. Das Metall ist glatt, kalt und schwer. Hinkend schleppt sie sich die gewundene Treppe rauf, presst Kette und Delfin an sich, flüchtet sich dorthin, wo sie alles überblicken kann. Unter ihr ist bloß noch schwarze See und Kälte, scharfe Eisbrocken, die Matratze ihr Floß, das langsam versinkt, ein weißer Umriss unter der Oberfläche.
„Wer ist da?“, fragt sie die Stille und sie weiß, dass sie keine Antwort mehr haben will. Der böse Mann kommt. Sie weiß es. Und er hat kein Gesicht und kein Herz. Sie kennt ihn nicht, sie hat ihn noch nie zuvor gesehen, aber sie weiß, dass er es ist. Er ist die Urangst, er ist Ertrinken und Tod und der Verlust eines geliebten Menschen. Er bricht die Tür ihres Glashauses in Stücke.
Und als er die Treppe hinaufsteigt, mit langsamen, schweren Schritten, ist er der scharfkantige Eisberg, der alles beenden kann, all die Lichter löschen wird. Rose spürt, wie ihre Festung zerbricht, sie spürt das Leck im Rumpf, spürt Eiswasser in ihrem Inneren und sie ringt nach Luft. Fast ist er da. Böses im Sinn. Der Einbrecher. Hat kein Gesicht, dort ist nur schwarzer Stoff.
„Geh“, flüstert sie und er lacht bloß, weil er ganz genau weiß, dass Mariette sich nicht wehren kann. Was er nicht weiß, ist, dass es eben auch Rose gibt. Die starke, schöne Rose, die keine Angst hat. Und als er fast da ist und nach ihr greifen will, erwacht etwas in Mariette. Ihr Arm hebt sich und der Delfin pflügt schnell und schimmernd durch die dunklen Fluten, trifft und Eis zersplittert und etwas stürzt in die Tiefe. Da ist ein dumpfer Schlag, als ein Körper auf dem glatten, harten Boden der Passage zerspringt.
Mariette kauert am oberen Treppenabsatz, starrt. Irgendwann hat sich ihr Herz wieder beruhigt und langsam beginnt sie, rotes Blut von dem weißen Marmorboden zu wischen.

 

Die  leere Ladenfläche, die Mariette als neues Zuhause dient.

Heute

Der Straßenlärm betäubend zu mir drang.
In großer Trauer, schlank, von Schmerz gestrafft,
Schritt eine Frau vorbei, die mit der Hand gerafft,
Den Saum des Kleides hob, der glockig schwang.

Anmutig, wie gemeißelt war das Bein.
Und ich, erstarrt, wie außer mich gebracht,
Vom Himmel ihrer Augen, wo ein Sturm erwacht,
Sog Süße, die betört, und Lust, die tötet, ein.

Ein Blitz… dann Nacht! – Du Schöne, mir verloren,
Durch deren Blick ich jählings neu geboren,
Werd ich in Ewigkeit dich erst wiedersehn?

Woanders, weit von hier! zu spät! soll’s nie geschehn?
Dein Ziel ist mir und dir das meine unbekannt.
Dich hätte ich geliebt, und du hast es geahnt!

Charles Baudelaire, 1860

Der Geräuschesammler Christopher Backus

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Der Audio-Künstler Christopher Backus ist ab morgen, dem 9.Juni 2014, mit seiner Installation „Eine Symphonie der Leere“ in der Arcade vertreten. Fragt man ihn nach seinem heutigen Beruf, antwortet er kurz und knapp: Geräuschesammler.

Seitdem er vierzehn ist und von seinem Opa ein altes Aufnahmegerät bekommen hat, beschäftigt er sich ausschließlich mit dem Ton, der unsere Welt umgibt. Damals hat er mit seiner kleinen Schwester zusammen Kriminal-Hörspiele aufgenommen. Sie hat sich die Geschichten ausgedacht und gesprochen, er fabrizierte die Geräusche. Sechs kleine Hörspiele von Detektiven und Verbrechern sind so zum Leben erweckt worden und jedes einzelne entstand in dem kleinen Dachzimmer der Großeltern, das den zwei Geschwistern zum Spielen diente. Erstaunlich ist es, dass sie sich in dem Alter selbst Regeln auferlegten. „Wir müssen streng zu uns sein, Stopher, sonst werden wir nie fertig“.An diesen Satz von seiner kleinen Schwester Lio kann sich der Bielefelder-Künstler noch heute erinnern. Diese Strenge und diese Zielstrebigkeit hatten ihn damals schon erstaunt und heute rückblickend noch mehr. Wenn seine Schwester etwas macht, dann macht sie es richtig und für diese Eigenschaft bewundert er sie heute noch. „Meine Schwester ist reine Energie“. Eine ihrer Regeln besagte, dass sie die Aufnahme eines Krimis nicht unterbrachen. Sie brachten Essen und Tee in das kleine Zimmer, bevor sie anfingen, und wenn sie Hunger bekamen, hatten die Protagonisten des Hörspieles notgedrungen auch Hunger. Das waren die einzigen natürlichen Geräusche, die man in den kleinen Kriminalgeschichten finden kann. Alle anderen sollten künstlich sein, gab eine andere Regel vor. Für diese Geräusche benutzte Backus eine Reihe merkwürdiger, selbstgebauter Instrumente, die er zusammen mit seinem Opa im Keller hergestellt hatte.

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Während des Aufbaus am Samstag: Erste neugierige Zuhörer

 

Erst zehn Jahre später wandte sich Backus neben den Essgeräuschen den anderen natürlichen Tönen unserer Umwelt zu. „Der Ton wird von uns meist als etwas sehr verständliches wahrgenommen, dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass er in der Filmwelt eine Revolution dargestellt hat“. Die Wichtigkeit des Tons ist ihm zum ersten Mal mit einer großen Dringlichkeit bewusst geworden, als er einen Film sah, in dem es an einer Stelle gar keinen Ton gab. Kein Rauschen und kein Summen. „Ein Loch tat sich auf und ich bin gefallen. Diese Kraft des Nicht-Existierens musste im Rückschluss die Kraft des Existierens bedeuten“. Seitdem beschäftigt er sich mit einer besonderen Vorliebe für die Hintergrundgeräusche, für die vergessenen, verschmähten Töne, die in dem großen Brei unserer Erdmusik unterzugehen drohen.
Auch die Installation in der Arcade beschäftigt sich mit Hintergrundgeräuschen. Mit den Geräuschen der anderen Passagen in Bielefeld, die im Gegensatz zu der Arcade noch nicht gänzlich ausgestorben sind. Backus sammelte dort die Geräusche vom Morgen, vom Mittag und und vom Abend. Die Geräuschkulisse ist nämlich zu jeder Tageszeit unterschiedlich. Morgens hört man die Putzkolonnen, die mit ihren kleinen, motorisierten Fahrzeugen den Boden wischen. Die hastigen Schritte der Leute, die auf ihrem Weg zur Arbeit, die Passage als Abkürzung nehmen. Mittags sind die Geräusche am vielfältigsten, aber dadurch auch weniger definiert und schwieriger zu unterscheiden. Leute reden, lachen, laufen, rascheln mit ihren Einkaufstüten, schieben Kinderwagen. Verkäufer preisen ihre Waren an. Kassen piepsen, Ladentüren piepsen, wenn ein Sicherheitsetikett vergessen wurde. Das Rauschen der Automatiktüren. Abends wird es wieder weniger. Aber im Vergleich zu Morgens ist es nicht so hektisch. Die Ladenbesitzer schließen nach und nach. Ein paar Leute spazieren langsam, plaudernd nach Hause.
Aus dieser Sammlung kreierte Backus sein bisher längstes Hörspiel. Eine 12-stündige Symphonie über das Leben einer Passage, das nun zwei Wochen lang jeden Tag in der Arcade zu hören sein wird. Dadurch fand eine Übertragung statt, eine Projektion von Lebendigem auf die leere Fläche der verlassenen Arcade.

 

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Zwei von den Lautsprechern, die wir gestern an verschiedenen Orten in der Arcade installiert haben.

Unser Dank für die Photos gilt Lara Mämecke!

„Küchenarbeit“

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Heute in der Küche, meinem Lieblingsplatz zum Arbeiten!

Was ich im Moment plane, bald hier auf dem Blog!

 

Nächtliche Begegnung mit Lisel

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Gestern bin ich kurz in die Arcade gegangen, um wegen der nächsten Aktion noch die letzten Vorbereitungen zu treffen. Ich bin nicht vorne herum gegangen, sondern durch den einen Hinterausgang, der neben dem Geschäft liegt mit den vielen Kleidern im Schaufenster. Die Lichter waren schon alle aus und mir war etwas mulmig zumute, besonders wegen diesem seltsamen, summenden Geräusch in der Passage und das Licht war irgendwie so grünlich, manchmal auch bläulich. Ich kam mir vor wie unter Wasser, meine Schritte wurden auch immer langsamer und das Gehen fiel mir schwer. Dann hab ich das Schaufenster mit dem blauen Kleid vor dem roten Stück Stoff gesehen und konnte mich nicht erinnern, es jemals zuvor schon einmal bemerkt zu haben. Was auch schon sehr seltsam ist, da ich ungefähr jeden zweiten Tag in der Arcade bin. Auf jeden Fall stand ich dann vor diesem Kleid und bemerkte, dass das Summen aus dem Schaukasten kam. Vielleicht war es das Licht, aber eigentlich sirren Lampen anders, wenn sie bereits lange in Betrieb waren. Das Brummen war zu tief. Zu organisch. Ich bin noch näher an den Schaukasten getreten und da sah ich, dass das Kleid sich ganz langsam bewegte. Wie Seealgen im Meer. So wiegende Bewegungen. Und dann habe ich nach oben geguckt und da war eine ganz dünne, wabernde Linie. Silbrig und grün-glänzend im Licht. Ab da hab ich nichts mehr verstanden. Als dann der Vorhang begann sich mit dem Kleid zu bewegen, bin ich nach hinten gewichen und habe mich für verrückt erklärt. Ich dachte mir, dass es für heute wohl zuviel Rotwein und Sonne gewesen war. Das hat mich wieder beruhigt und ich fand alles in einem Male eigentlich ganz lustig. Habe es dann schnell photographisch festgehalten, weil das für mich auf jeden Fall ein sehr belebender Moment war. Mein Herz hat zumindest fast einen kleinen Aussetzer gehabt. Aber dann verstand ich unter dem Gesumme nicht mehr nur Gesumme, sondern hörte einen Namen heraus. Lisel Lisel. Und ich musste an die Geschichte von Louis Aragon denken, in der er von seiner Begegnung mit Lisel, einer Meerjungfrau, in einem der Schaufenster in der Passage de L’Opera berichtet. Und dann sah ich vor mir, wie Lisel in diesem blauen Kleid in dem Schaukasten umherschwimmt und bin gegangen. Nicht normal gegangen, sondern eher gerannt, straks wieder hinaus in die Nacht, durch denselben Eingang, durch den ich gerade erst gekommen war.

Die Frau Titanik von Lio Re

Mariette ist Rose. Sobald sie morgens die silberne Halskette mit dem blau funkelnden Herz- Anhänger anlegt, bis zu dem Punkt an dem sie diese Abends nach dem Ablegen der Kleidung als letztes auszieht. Im Schlaf braucht sie keine Requisite um Rose zu sein, da träumt sie.
Mariette ist um die dreißig, arbeitet morgens in einer kleinen Bäckerei unweit ihrer kleinen Stadtwohnung und weiß nicht so recht, was sie vom Leben will. Jedenfalls denkt ihre kleine, runde Chefin, dass es so sei. Mariette weiß, was sie will: So sein wie Rose und ihr Leben auf einem Schiff wie der Titanik verbringen. Ein Leben in Üppigkeit und Pracht, das sie sich herbeisehnt seit sie 1997 zum ersten Mal im Kino war und das Unglück der Königin der Schiffe beweinte.
Siebzehn Jahre später geht Mariette jeden Abend, bevor sie schlafen geht, in der Dämmerung spazieren, und an einem warmen Tag im Mai entdeckt sie die Arcade. Eine verlassene Ladenpassage mit rotem und weißem Marmorboden, verschnörkelten Geländern und einem Wirrwarr von Treppen und Emporen. Noch in dieser Nacht packt Mariette einen kleinen ledernen Koffer und verlässt die Arkade erstmal nicht mehr.

So lautet der Plot auf dem Schutzumschlag von Lio Re’s neuestem Roman Die Frau Titanik, der in Kürze erscheinen wird.

Lio Re hat Germanistik und Kunstgeschichte in Bochum studiert und lebt und arbeitet nun als freischaffende Schriftstellerin in Leipzig. Als sie ihren Bruder im Herbst 2013 in Bielefeld besuchte, sah sie die Arcade und nahm sie als Vorlage für das Marmor-gewordene Paradies ihrer Protagonistin Mariette.

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Demnächst wird es exklusiv auf Hotel Existenz einen Auszug des noch unveröffentlichen Romans von Lio Re geben.

Kleines Festessen der Bielefelder Flaneure

Auf unserem beinahe täglichem Gang zur Arcade trafen wir doch tatsächlich gestern auf die Bielefelder Flaneure. Eine Gruppe aus eigentlich sechs Männern, die jeden Mittwoch durch Bielefeld flanieren, um nach einem bestimmten Regelsystem, von Kneipe zu Lokal, die Stadt Bielefeld und ihre Bewohner in sich aufzunehmen. Was uns noch mehr erfreut hat, als unsere Begegnung, war, dass die Flaneure planten, ein „kleines Festessen“ in der Arcade zu veranstalten. Welch simple Aktion mit großer Wirkung! Wir durften sie für unseren Blog dokumentieren. (Auch von den Bielefelder Flaneuren selbst gibt es endlich den langersehnten Bericht über das Festessen: http://www.bielefelder-flaneure.de/arcade/)

Wer mehr über die Flaneure wissen will, hier der Link zu ihrem Blog, auf dem sie über ihre, sowohl kulinarischen, als auch sozialen und kulturellen Ausflüge berichten. http://www.bielefelder-flaneure.de/
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Ein Interview mit Tom Dunkel

„Ich würde gerne eine Ausstellung für nachtaktive Menschen organisieren“

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Hotel Existenz traf den Künstler Tom Dunkel am 8.Mai 2014 in den Räumlichkeiten der Arcade Bielefeld und hat mit ihm über seine Werke, seinen Hamster und die Nacht gesprochen.

 

Hotel Existenz: Tom, ist das ein gutes Gefühl hier in der Arcade zu stehen und deine Bilder an der Wand zu sehen?

Tom Dunkel: Ja sehr. Ich bin unheimlich erleichtert, dass alle Bilder hängen und bis jetzt ist sogar noch keins runtergefallen (lacht). Der ganze organisatorische Aufwand war wahnsinnig anstrengend für mich. Im letzten Jahr war ich den größten Teil alleine in meinem Zimmer und habe mit Papier und Farben zusammengelebt, ein kreativer Schlaf quasi und dann ging es plötzlich mit der Planung der Ausstellung los. Da habe ich mich so gefühlt, wie es meinem Hamster immer gehen muss, wenn ich ihn tagsüber wecke, weil mir langweilig ist.

H.E.: Du tust was?

T.D.: Ja, ich weiß. Aber das passiert nicht oft, da ich selber eher nachtaktiv bin. Nur manchmal verlangen die Umstände, wie zum Beispiel die Organisation der Ausstellung und die Ausstellung selbst, eine andere Lebensart von mir und dann vermisse ich meinen Hamster. Jetzt zum Beispiel vermisse ich ihn auch (lacht).

H.E.: Wir sind untröstlich Tom. Aber wo du jetzt erwähnt hast, dass du normalerweise nachtaktiv bist, kann es sein, dass du deswegen den Namen Dunkel trägst? Oder ist deine Schlafvorliebe und dein Nachname ein Zufall?

T.D.: Was hast du gefragt? Ich bin kurz eingenickt.

H.E.: Tom Dunkel ist also ein Geheimniskrämer. Aber gut, dass werde ich hinnehmen müssen. Was war zuerst da? Das Dunkel oder die Nachaktivität? Wir werden es zumindest heute nicht erfahren.

T.D.: Wie oft wurdet ihr schon gefragt, warum ihr gerade den Titel Hotel Existenz für euer Magazin gewählt habt?

H.E.: Okay, Ich sehe es ein! Also dann jetzt endlich zu deinen Bildern, die hier in der Arkade zu sehen sind. Die Serie heißt „Psychische Grundrisse“.

T.D.: Genau, so heißt sie. Und jetzt kommt der Punkt an dem ich mit der Wahrheit über die Bedeutung der Bilder herausrücken soll. Oder mit der Wahrheit über mich und meine Gründe, diese Bilder zu malen. Das ist es doch, was man in einem Interview hören will, richtig? Die Wahrheit. Aber welche? Es gibt so viele. Und oh nein, ich bin wieder abgekommen. Es ist anscheinend echt nicht meine Zeit. Also um zu meinen Bildern zu kommen: man sieht Grundrisse, unter anderem auch einen dieser Passage. Jedoch sieht man auch Farben. Und diese laden die akuraten Formen und Linien eines Grundrisses emotional, also psychisch auf. Es entsteht sowohl ein Kontrast, als auch eine Wahrheit bestehend aus zwei Ebenen, um nochmal auf die Wahrheit zurückzukommen. Mein Lieblingsbegriff im Moment, wie man vielleicht merken kann (lacht.)

H.E.: Ja, das merke ich. Aber ich finde das sehr interessant, was du soeben angedeutet hast, also das mit der Wahrheit. Ich denke da an die Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit, und dieses Thema erkenne ich gerade in deinen Arbeiten.

T.D.: Ja genau, das Thema fasziniert mich im Moment sehr und wir könnten da noch Stunden weiter drüber reden.

H.E.: Aber vergiss vor lauter Faszination das Schlafen nicht.

T.D.: Wenn du wüsstest, was du verpasst. Die Nacht ist wunderschön. So fernab der Realität. Manche Leute verkleiden sich als Fantasy-Figuren, ich gehe einfach nachts auf die Straße und werde unwirklich.

H.E.: Nun kann ich mir vorstellen, worauf du dich am meisten freust, nun da die Ausstellung steht. Hast du denn bereits neue Pläne?

T.D.: Ich würde gerne eine Ausstellung für nachtaktive Menschen organisieren. Nicht nur mit meinen Arbeiten, sondern auch mit Werken anderer Künstler, die bestenfalls natürlich auch nachts arbeiten. Dann würde es ein Buffett mit ganz vielen saftigen Käsebrötchen geben. Denn was gibt es besseres als ein Käsebrot um Mitternacht.

H.E.: Das klingt traumhaft!

T.D.: Oh ja. Traumhaft, das ist das richtige Wort. Hotel Existenz wird dann hoffentlich auch zugegen sein.

H.E.: Auf jeden Fall! Es war mir eine Freude, Tom! Bis in baldiger Dunkelheit dann.

T.D.: (Lacht) Ich freue mich!

 

Tom Dunkel

Ort im Ort

28.5. – 10-7.14

Die Arcade

Herforder Straße 10

33602 Bielefeld

Gebäude No.1 Die Arcade

 

Hier ein kleiner Rundgang durch die verlassene Ladenpassage in Bielefeld an der Herforder Straße.

Dies ist das erste Gebäude, in dem Wir von Hotel Existenz Aktionen organisieren werden, um der Passage wieder neues Leben einzuhauchen!
Mit dabei sind die Bielefelder Flaneure, Tom Dunkel, Lio Re und noch viele andere Lebensretter.