Hotel Existenz

Ein Blog über Wiederbelebungsmaßnahmen verlassener Gebäude/ Edit: Ein Blog über die Suche nach dem vergessenen Paradies

Kategorie: Sonstiges

Jetzt: Dortmund

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Wir sind umgezogen.

Und auf der Suche nach dem vergessenen Paradies.

 

We moved.

On the hunt for the forgotten Paradise..

Die Wahrheit und das Märchen II

Es gab ein paar Rückmeldungen bezüglich der Märchenaktion.
Zugegeben, auf Grund der Soundkulisse, die wir jedoch unbedingt so behalten und nicht verfälschen wollten, ist der Text in dem Video etwas unverständlich, deswegen hier das Märchen noch einmal in Schrift.

 

Die Wahrheit und das Märchen
(Jüdisches Märchen aus Israel)

Die Wahrheit ging durch die Strassen der Stadt, ganz nackt, wie am Tage ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Jeder, der sie traf, flüchtete voller Angst vor ihr. Da war die Wahrheit betrübt und verbittert.
Als sie eines Tages wieder einmal in Gedanken  versunken durch die Strassen ging, begegnete  sie dem Märchen.
Das Märchen war geschmückt mit prächtigen bunten Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten.
„Sag mir, geehrte Freundin“, fragte das Märchen die Wahrheit, „warum bist du so bedrückt und drehst dich auf den Strassen so betrübt herum?“
Da antwortete die Wahrheit: „Es geht mir schlecht, ich bin alt, kein Mensch will mich kennen, keiner mag mich.“
Doch das Märchen entgegnete ihr: „Nicht weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt, und je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen. Siehe, ich will dir das Geheimnis der Menschen der Menschen enthüllen: Sie mögen es, wenn jemand geschmückt ist, schön gekleidet und hübsch anzusehen. Ich werde dir solch herrliche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin, und du wirst sehen, dass die Leute auch dich lieben werden.“
Die Wahrheit befolgte diesen Rat und schmückte sich mit den Kleidern des Märchens. Und seitdem gehen Wahrheit und Märchen zusammen, und beide sind bei den Menschen beliebt.

Die Axt der Vernunft und des Satans liebster Trick

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Eigentlich soll es auf Hotel Existenz ausschließlich um die Arcade und die „Wiederbelebungsmaßnahmen“ gehen, aber das Passagenwerk von Walter Benjamin gehört einfach zu den für uns wichtigen Werken des 20. Jahrhunderts, ohne das wir heute die Passage nicht als das erkennen würden, was sie ist. Eine Zone zwischen zweierlei Realitäten. Die Basis dieses Blogs.

Deswegen heute ein externer Buchtipp: Walter Benjamin – Passagen, Kristalle, erschienen beim Corso Verlag.

Eine wunderschöne Ausgabe, die es schafft, das fragmentarische Passagenwerk Benjamins zum einen sinnig zu verkürzen, als auch zu einer sinnlichen Collage zusammenzufügen.

 

Der Corso Verlag, sowieso empfehlenswert, auch was die anderen Bücher angeht. Wir sind angetan.

Ein Gespräch über Peer Gynt

Nach dem Auftritt von der Frau in Blau hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem der Konzertbesucher über Peer Gynt, das dramatische Gedicht von Henrik Ibsen, welches zurzeit im Theater am alten Markt gespielt wird.   Besonders die Zwiebelszene ist ein so stimmiges Bild für die Zerstreutheit des Menschen.

Nach und nach kamen noch zwei, drei Andere dazu und beteiligten sich an unserem Gespräch, und da kam uns die Idee, dass man in der Arcade doch wöchentlich eine kleine Rederunde veranstalten könnte, ob jetzt über Theaterstücke oder auch ganz andere Thematiken. Und eventuell wird das Reden einem zum Handeln leiten, was noch besser wäre. Die Arcade ist überdacht, es gibt viel Platz, versteckte Winkel, eine Atmosphäre, die einen auffordert die Leere mit Gedanken zu füllen und sie hat von Montag bis Samstag bis 10 Uhr auf. Man kann sich also bequem unter der Woche nach der Arbeit treffen. Wer Interesse hat, meldet sich! hotel-existenz@gmx.de

 

 

Hier die Zwiebelszene:

Dies hier ist ein Standpunkt.Wie wohl gestaltet
Sich’s weiter? – Prüft alles, und das Beste behaltet! –
So hab‘ ich’s gemacht, – hoch droben von Cäsar
Bis herunter zum Grasfresser Nebukadnezar.
So sollt‘ ich nun doch durch die Bibel, zum Trutz! –
Der Graukopf sucht wieder an Mutters Brust Schutz. –
Von Erde, so heißt’s ja auch, bist du kommen. –
Nur immer die Wampe recht voll genommen, –
Das ist’s. Von Zwiebeln! Das wär‘ kein Segen; –
Ich will lieber schlau sein und Schlingen legen.
Hier ist Wasser im Bach; ich werd‘ nicht verschmachten;
Als Tier bin ich immer noch fürstlich zu achten.
Soll ich sterben einst, – und dem entrinn‘ ich wohl kaum, –
So kriech‘ ich unter ’nen windbrochnen Baum,
Und deck‘ mich zu, wie ein Bär, mit Blättern
Und ritz‘ in die Rinde mit riesigen Lettern:
Hier ruht Peer Gynt, des Landes Zier,
Kaiser von all dem andern Getier. –
Kaiser?
(Lacht innerlich.)
Noch immer das alte Geliebel!
Du bist kein Kaiser; du bist eine Zwiebel.
Jetzt will ich dich einmal schälen, mein Peer!
Es hilft dir nichts, stöhnst du auch noch so sehr.
(Nimmt eine Zwiebel und pflückt Haut um Haut ab.)
Da liegt die äußre, zerfetzte Schicht; –
Der Gescheiterte, der um sein Leben ficht.
Die Passagierhaut hier, dünn wie ein Sieb, –
Hat doch im Geschmack von Peer Gynt einen Hieb.
Hier ist das Goldgräber-Ich; – fahr hin!
Der Saft ist weg, – war je einer drin.
Dies Dickfell hier, mit dem Zipfel für zwei, –
Ist der Pelzjäger an der Hudsonsbai.
Dies gleicht einer Krone hier; – hat sich was –!
Dem geben wir ohne weitres den Paß.
Hier der Altertumsforscher, kurz aber kräftig,
Und hier der Prophete, frisch und vollsäftig.
Er stinkt von Lügen, wie’s in der Schrift heißt;
Ein Duft, der ein ehrlich Mannsaug‘ wie Gift beißt.
Dies Blatt hier, das weichlich am Finger klebt,
Ist der Herr, der herrlich und in Freuden gelebt.
Das nächste scheint krank. Es hat schwarze Schwielen; –
Schwarz kann auf Neger wie Pfaffen zielen.
(Pflückt mehrere auf einmal ab.)
Das hört ja nicht auf! Immer Schicht noch um Schicht!
Kommt denn der Kern nun nicht endlich ans Licht?!

(Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/1716/12)

„Küchenarbeit“

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Heute in der Küche, meinem Lieblingsplatz zum Arbeiten!

Was ich im Moment plane, bald hier auf dem Blog!

 

Nächtliche Begegnung mit Lisel

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Gestern bin ich kurz in die Arcade gegangen, um wegen der nächsten Aktion noch die letzten Vorbereitungen zu treffen. Ich bin nicht vorne herum gegangen, sondern durch den einen Hinterausgang, der neben dem Geschäft liegt mit den vielen Kleidern im Schaufenster. Die Lichter waren schon alle aus und mir war etwas mulmig zumute, besonders wegen diesem seltsamen, summenden Geräusch in der Passage und das Licht war irgendwie so grünlich, manchmal auch bläulich. Ich kam mir vor wie unter Wasser, meine Schritte wurden auch immer langsamer und das Gehen fiel mir schwer. Dann hab ich das Schaufenster mit dem blauen Kleid vor dem roten Stück Stoff gesehen und konnte mich nicht erinnern, es jemals zuvor schon einmal bemerkt zu haben. Was auch schon sehr seltsam ist, da ich ungefähr jeden zweiten Tag in der Arcade bin. Auf jeden Fall stand ich dann vor diesem Kleid und bemerkte, dass das Summen aus dem Schaukasten kam. Vielleicht war es das Licht, aber eigentlich sirren Lampen anders, wenn sie bereits lange in Betrieb waren. Das Brummen war zu tief. Zu organisch. Ich bin noch näher an den Schaukasten getreten und da sah ich, dass das Kleid sich ganz langsam bewegte. Wie Seealgen im Meer. So wiegende Bewegungen. Und dann habe ich nach oben geguckt und da war eine ganz dünne, wabernde Linie. Silbrig und grün-glänzend im Licht. Ab da hab ich nichts mehr verstanden. Als dann der Vorhang begann sich mit dem Kleid zu bewegen, bin ich nach hinten gewichen und habe mich für verrückt erklärt. Ich dachte mir, dass es für heute wohl zuviel Rotwein und Sonne gewesen war. Das hat mich wieder beruhigt und ich fand alles in einem Male eigentlich ganz lustig. Habe es dann schnell photographisch festgehalten, weil das für mich auf jeden Fall ein sehr belebender Moment war. Mein Herz hat zumindest fast einen kleinen Aussetzer gehabt. Aber dann verstand ich unter dem Gesumme nicht mehr nur Gesumme, sondern hörte einen Namen heraus. Lisel Lisel. Und ich musste an die Geschichte von Louis Aragon denken, in der er von seiner Begegnung mit Lisel, einer Meerjungfrau, in einem der Schaufenster in der Passage de L’Opera berichtet. Und dann sah ich vor mir, wie Lisel in diesem blauen Kleid in dem Schaukasten umherschwimmt und bin gegangen. Nicht normal gegangen, sondern eher gerannt, straks wieder hinaus in die Nacht, durch denselben Eingang, durch den ich gerade erst gekommen war.