Hotel Existenz

Ein Blog über Wiederbelebungsmaßnahmen verlassener Gebäude/ Edit: Ein Blog über die Suche nach dem vergessenen Paradies

Die Axt der Vernunft und des Satans liebster Trick

71001

Eigentlich soll es auf Hotel Existenz ausschließlich um die Arcade und die „Wiederbelebungsmaßnahmen“ gehen, aber das Passagenwerk von Walter Benjamin gehört einfach zu den für uns wichtigen Werken des 20. Jahrhunderts, ohne das wir heute die Passage nicht als das erkennen würden, was sie ist. Eine Zone zwischen zweierlei Realitäten. Die Basis dieses Blogs.

Deswegen heute ein externer Buchtipp: Walter Benjamin – Passagen, Kristalle, erschienen beim Corso Verlag.

Eine wunderschöne Ausgabe, die es schafft, das fragmentarische Passagenwerk Benjamins zum einen sinnig zu verkürzen, als auch zu einer sinnlichen Collage zusammenzufügen.

 

Der Corso Verlag, sowieso empfehlenswert, auch was die anderen Bücher angeht. Wir sind angetan.

Werbeanzeigen

Ein Gespräch über Peer Gynt

Nach dem Auftritt von der Frau in Blau hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem der Konzertbesucher über Peer Gynt, das dramatische Gedicht von Henrik Ibsen, welches zurzeit im Theater am alten Markt gespielt wird.   Besonders die Zwiebelszene ist ein so stimmiges Bild für die Zerstreutheit des Menschen.

Nach und nach kamen noch zwei, drei Andere dazu und beteiligten sich an unserem Gespräch, und da kam uns die Idee, dass man in der Arcade doch wöchentlich eine kleine Rederunde veranstalten könnte, ob jetzt über Theaterstücke oder auch ganz andere Thematiken. Und eventuell wird das Reden einem zum Handeln leiten, was noch besser wäre. Die Arcade ist überdacht, es gibt viel Platz, versteckte Winkel, eine Atmosphäre, die einen auffordert die Leere mit Gedanken zu füllen und sie hat von Montag bis Samstag bis 10 Uhr auf. Man kann sich also bequem unter der Woche nach der Arbeit treffen. Wer Interesse hat, meldet sich! hotel-existenz@gmx.de

 

 

Hier die Zwiebelszene:

Dies hier ist ein Standpunkt.Wie wohl gestaltet
Sich’s weiter? – Prüft alles, und das Beste behaltet! –
So hab‘ ich’s gemacht, – hoch droben von Cäsar
Bis herunter zum Grasfresser Nebukadnezar.
So sollt‘ ich nun doch durch die Bibel, zum Trutz! –
Der Graukopf sucht wieder an Mutters Brust Schutz. –
Von Erde, so heißt’s ja auch, bist du kommen. –
Nur immer die Wampe recht voll genommen, –
Das ist’s. Von Zwiebeln! Das wär‘ kein Segen; –
Ich will lieber schlau sein und Schlingen legen.
Hier ist Wasser im Bach; ich werd‘ nicht verschmachten;
Als Tier bin ich immer noch fürstlich zu achten.
Soll ich sterben einst, – und dem entrinn‘ ich wohl kaum, –
So kriech‘ ich unter ’nen windbrochnen Baum,
Und deck‘ mich zu, wie ein Bär, mit Blättern
Und ritz‘ in die Rinde mit riesigen Lettern:
Hier ruht Peer Gynt, des Landes Zier,
Kaiser von all dem andern Getier. –
Kaiser?
(Lacht innerlich.)
Noch immer das alte Geliebel!
Du bist kein Kaiser; du bist eine Zwiebel.
Jetzt will ich dich einmal schälen, mein Peer!
Es hilft dir nichts, stöhnst du auch noch so sehr.
(Nimmt eine Zwiebel und pflückt Haut um Haut ab.)
Da liegt die äußre, zerfetzte Schicht; –
Der Gescheiterte, der um sein Leben ficht.
Die Passagierhaut hier, dünn wie ein Sieb, –
Hat doch im Geschmack von Peer Gynt einen Hieb.
Hier ist das Goldgräber-Ich; – fahr hin!
Der Saft ist weg, – war je einer drin.
Dies Dickfell hier, mit dem Zipfel für zwei, –
Ist der Pelzjäger an der Hudsonsbai.
Dies gleicht einer Krone hier; – hat sich was –!
Dem geben wir ohne weitres den Paß.
Hier der Altertumsforscher, kurz aber kräftig,
Und hier der Prophete, frisch und vollsäftig.
Er stinkt von Lügen, wie’s in der Schrift heißt;
Ein Duft, der ein ehrlich Mannsaug‘ wie Gift beißt.
Dies Blatt hier, das weichlich am Finger klebt,
Ist der Herr, der herrlich und in Freuden gelebt.
Das nächste scheint krank. Es hat schwarze Schwielen; –
Schwarz kann auf Neger wie Pfaffen zielen.
(Pflückt mehrere auf einmal ab.)
Das hört ja nicht auf! Immer Schicht noch um Schicht!
Kommt denn der Kern nun nicht endlich ans Licht?!

(Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/1716/12)