Die Frau Titanik – Angriff auf das Paradies

von Hotel Existenz

 

Heute der angekündigte Auszug aus dem noch unveröffentlichten Roman „Die Frau Titanik“ von Lio Re!

 
Sie zieht die Vorhänge vor, damit sie allein sein kann. Weiße Vorhänge, die nach Staub und Schimmel riechen, wenn man die Nase in den klammen Stoff drückt. Auch an diesem Abend vergräbt Mariette kurz ihr Gesicht darin, versinkt für einen kleinen Augenblick, dann zieht sie ihre Schuhe aus – rote, schöne Schuhe – stellt sie sorgfältig neben den weißen Holzstuhl, von dem die Farbe bereits abblättert. Sie hat ihn auf der Straße gefunden – genauso wie den kleinen Blechtopf, in dem sie ihr Teewasser heiß macht, und das Bild, das sie notdürftig mit Klebeband an einer der Glaswände befestigt hat. Manche würden vielleicht sagen, dass es ein kitschiges Bild sei, aber Mariette gefällt es. Rose gefällt es.
Wellen. Turmhoch. Ein dunkler Himmel. Wolkenwände – aufgequollen und bedrohlich und in all diesem Elend, mitten im Herz der schrecklichsten Naturgewalten das Schiff. Wären da nicht die beleuchteten Fenster, dann würde es gar nicht auffallen. Aber diese kleinen, rechteckigen, gelben Fenster sagen, dass alles gut ist. Als wäre das Schiff der Hafen selbst.
Mariettes Hafen ist genau hier. Wenn sie ihren abendlichen Gang durch die Passage beendet hat und sie an den Laternen, die nicht mehr leuchten, vorbei geht in ihren winzigen Glaspalast, dann ist sie ganz zu Hause.
Gleich kann sie träumen. Wenn der Schlaf endlich kommt und die Matratze mit den Stockflecken auf der Unterseite sacht zu schwanken beginnt, wenn ein Meer rauscht, dass es eigentlich gar nicht gibt in dieser Stadt… Dann wird Rose mit den Fingerspitzen nach dem Anhänger an ihrem Hals tasten, sich das schwere Silber vorsichtig über den Kopf ziehen. Ihr Haar verfängt sich jedes Mal darin. Ihr schweres, rotes Haar, das sich auffächert, wenn sie tanzt, wenn sie sich dreht und kurz die Hand dieses Jungen berührt, dem sie ihr wirkliches Herz geschenkt hat. Ihr pochendes, rotes Herz, das so aufgewühlt ist. Es sind die schönsten Tage gewesen an Bord der Titanik. Es waren berauschende, unwirkliche Tage. Alles war neu. Alles war viel zu groß und doch genau richtig. In ihr zieht sich etwas zusammen, wenn sie daran denkt. 
Manchmal ist die Welt eben zu klein. Mariette sucht immer noch nach etwas, von dem sie nicht weiß, was es ist. Aber wenn sie hier ist, hier in der Passage, in diesem zerbrechlichen Koloss aus Glas und Metall, dann ist das Bohren in ihrem Inneren nicht mehr so schmerzhaft. Sie hat Angst vor dem Tag, an dem sie gehen muss – aber noch ist es nicht so weit. Noch gibt es die Träume und die Einsamkeit, in der sie die sein kann, der sie wirklich ist. Die schöne Rose, nach der sich jeder umdreht und die jeden zum Lächeln bringen kann, wenn sie nur will.
Mariette rollt sich auf ihrem Lager zusammen, atmet eine Weile. Die Kette hält sie fest in ihrer Hand. Sie wirft, die Augen halb geschlossen, noch einen Blick nach oben. Das gläserne Dach ist staubig und Blätter und tote Fliegen haben darauf ihr Grab gefunden, aber den Himmel sieht sie trotzdem. Er ist überall der gleiche. Nur sieht man mehr Sterne auf See. Da gibt es keine Leuchtreklame und Ampeln, die den Himmel so rot und diesig machen, wie er es hier so oft ist. 
Marietta schließt die Augen, dreht sich auf die Seite, legt die Kette vorsichtig auf den kühlen Boden. Niemand wird herkommen und sie ihr wegnehmen. Niemand ist hier… und doch… Als ihr Atem ganz still wird und der Schlaf sich schon nähert, als alles langsam verschwimmt und ihre Glieder zu Stein werden, ist da plötzlich eine heftige, bohrende Angst.
Ihr Hafen wird geflutet, die Sicherheit, die das Leben in ihrem Glasschiff mit sich gebracht hat, einfach weggeschwemmt.
Jemand ist hier.
Dumpfe Schritte. Mariette setzt sich auf, ihre Finger umschließen wie automatisch die Kette zu ihrer Linken. Ihr Herzschlag ist das einzige, was in diesem Moment noch wirklich ist – das heftige, wilde Stampfen in ihrem Brustkorb, der fast auseinanderreißt. Der Rest Realität geht ihr verloren. Sie stolpert über die Kiste mit all den Dingen, die sie im Laufe der letzten Jahre auf Flohmärkten erstanden hat. Schöner Krimskrams, das meiste davon völlig nutzlos. Funkelnde, wunderbare Dinge. Der Delfin… Schwer und aus Silber. Ein Flaschenöffner, obwohl Mariette kein Bier trinkt. Sie hat ihn gekauft, weil er genauso zum Meer gehört, wie Rose. Und jetzt greift sie danach. Das Metall ist glatt, kalt und schwer. Hinkend schleppt sie sich die gewundene Treppe rauf, presst Kette und Delfin an sich, flüchtet sich dorthin, wo sie alles überblicken kann. Unter ihr ist bloß noch schwarze See und Kälte, scharfe Eisbrocken, die Matratze ihr Floß, das langsam versinkt, ein weißer Umriss unter der Oberfläche.
„Wer ist da?“, fragt sie die Stille und sie weiß, dass sie keine Antwort mehr haben will. Der böse Mann kommt. Sie weiß es. Und er hat kein Gesicht und kein Herz. Sie kennt ihn nicht, sie hat ihn noch nie zuvor gesehen, aber sie weiß, dass er es ist. Er ist die Urangst, er ist Ertrinken und Tod und der Verlust eines geliebten Menschen. Er bricht die Tür ihres Glashauses in Stücke.
Und als er die Treppe hinaufsteigt, mit langsamen, schweren Schritten, ist er der scharfkantige Eisberg, der alles beenden kann, all die Lichter löschen wird. Rose spürt, wie ihre Festung zerbricht, sie spürt das Leck im Rumpf, spürt Eiswasser in ihrem Inneren und sie ringt nach Luft. Fast ist er da. Böses im Sinn. Der Einbrecher. Hat kein Gesicht, dort ist nur schwarzer Stoff.
„Geh“, flüstert sie und er lacht bloß, weil er ganz genau weiß, dass Mariette sich nicht wehren kann. Was er nicht weiß, ist, dass es eben auch Rose gibt. Die starke, schöne Rose, die keine Angst hat. Und als er fast da ist und nach ihr greifen will, erwacht etwas in Mariette. Ihr Arm hebt sich und der Delfin pflügt schnell und schimmernd durch die dunklen Fluten, trifft und Eis zersplittert und etwas stürzt in die Tiefe. Da ist ein dumpfer Schlag, als ein Körper auf dem glatten, harten Boden der Passage zerspringt.
Mariette kauert am oberen Treppenabsatz, starrt. Irgendwann hat sich ihr Herz wieder beruhigt und langsam beginnt sie, rotes Blut von dem weißen Marmorboden zu wischen.

 

Die  leere Ladenfläche, die Mariette als neues Zuhause dient.