Der Geräuschesammler Christopher Backus

von Hotel Existenz

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Der Audio-Künstler Christopher Backus ist ab morgen, dem 9.Juni 2014, mit seiner Installation „Eine Symphonie der Leere“ in der Arcade vertreten. Fragt man ihn nach seinem heutigen Beruf, antwortet er kurz und knapp: Geräuschesammler.

Seitdem er vierzehn ist und von seinem Opa ein altes Aufnahmegerät bekommen hat, beschäftigt er sich ausschließlich mit dem Ton, der unsere Welt umgibt. Damals hat er mit seiner kleinen Schwester zusammen Kriminal-Hörspiele aufgenommen. Sie hat sich die Geschichten ausgedacht und gesprochen, er fabrizierte die Geräusche. Sechs kleine Hörspiele von Detektiven und Verbrechern sind so zum Leben erweckt worden und jedes einzelne entstand in dem kleinen Dachzimmer der Großeltern, das den zwei Geschwistern zum Spielen diente. Erstaunlich ist es, dass sie sich in dem Alter selbst Regeln auferlegten. „Wir müssen streng zu uns sein, Stopher, sonst werden wir nie fertig“.An diesen Satz von seiner kleinen Schwester Lio kann sich der Bielefelder-Künstler noch heute erinnern. Diese Strenge und diese Zielstrebigkeit hatten ihn damals schon erstaunt und heute rückblickend noch mehr. Wenn seine Schwester etwas macht, dann macht sie es richtig und für diese Eigenschaft bewundert er sie heute noch. „Meine Schwester ist reine Energie“. Eine ihrer Regeln besagte, dass sie die Aufnahme eines Krimis nicht unterbrachen. Sie brachten Essen und Tee in das kleine Zimmer, bevor sie anfingen, und wenn sie Hunger bekamen, hatten die Protagonisten des Hörspieles notgedrungen auch Hunger. Das waren die einzigen natürlichen Geräusche, die man in den kleinen Kriminalgeschichten finden kann. Alle anderen sollten künstlich sein, gab eine andere Regel vor. Für diese Geräusche benutzte Backus eine Reihe merkwürdiger, selbstgebauter Instrumente, die er zusammen mit seinem Opa im Keller hergestellt hatte.

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Während des Aufbaus am Samstag: Erste neugierige Zuhörer

 

Erst zehn Jahre später wandte sich Backus neben den Essgeräuschen den anderen natürlichen Tönen unserer Umwelt zu. „Der Ton wird von uns meist als etwas sehr verständliches wahrgenommen, dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass er in der Filmwelt eine Revolution dargestellt hat“. Die Wichtigkeit des Tons ist ihm zum ersten Mal mit einer großen Dringlichkeit bewusst geworden, als er einen Film sah, in dem es an einer Stelle gar keinen Ton gab. Kein Rauschen und kein Summen. „Ein Loch tat sich auf und ich bin gefallen. Diese Kraft des Nicht-Existierens musste im Rückschluss die Kraft des Existierens bedeuten“. Seitdem beschäftigt er sich mit einer besonderen Vorliebe für die Hintergrundgeräusche, für die vergessenen, verschmähten Töne, die in dem großen Brei unserer Erdmusik unterzugehen drohen.
Auch die Installation in der Arcade beschäftigt sich mit Hintergrundgeräuschen. Mit den Geräuschen der anderen Passagen in Bielefeld, die im Gegensatz zu der Arcade noch nicht gänzlich ausgestorben sind. Backus sammelte dort die Geräusche vom Morgen, vom Mittag und und vom Abend. Die Geräuschkulisse ist nämlich zu jeder Tageszeit unterschiedlich. Morgens hört man die Putzkolonnen, die mit ihren kleinen, motorisierten Fahrzeugen den Boden wischen. Die hastigen Schritte der Leute, die auf ihrem Weg zur Arbeit, die Passage als Abkürzung nehmen. Mittags sind die Geräusche am vielfältigsten, aber dadurch auch weniger definiert und schwieriger zu unterscheiden. Leute reden, lachen, laufen, rascheln mit ihren Einkaufstüten, schieben Kinderwagen. Verkäufer preisen ihre Waren an. Kassen piepsen, Ladentüren piepsen, wenn ein Sicherheitsetikett vergessen wurde. Das Rauschen der Automatiktüren. Abends wird es wieder weniger. Aber im Vergleich zu Morgens ist es nicht so hektisch. Die Ladenbesitzer schließen nach und nach. Ein paar Leute spazieren langsam, plaudernd nach Hause.
Aus dieser Sammlung kreierte Backus sein bisher längstes Hörspiel. Eine 12-stündige Symphonie über das Leben einer Passage, das nun zwei Wochen lang jeden Tag in der Arcade zu hören sein wird. Dadurch fand eine Übertragung statt, eine Projektion von Lebendigem auf die leere Fläche der verlassenen Arcade.

 

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Zwei von den Lautsprechern, die wir gestern an verschiedenen Orten in der Arcade installiert haben.

Unser Dank für die Photos gilt Lara Mämecke!

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