Nächtliche Begegnung mit Lisel

von Hotel Existenz

PICT0068

Gestern bin ich kurz in die Arcade gegangen, um wegen der nächsten Aktion noch die letzten Vorbereitungen zu treffen. Ich bin nicht vorne herum gegangen, sondern durch den einen Hinterausgang, der neben dem Geschäft liegt mit den vielen Kleidern im Schaufenster. Die Lichter waren schon alle aus und mir war etwas mulmig zumute, besonders wegen diesem seltsamen, summenden Geräusch in der Passage und das Licht war irgendwie so grünlich, manchmal auch bläulich. Ich kam mir vor wie unter Wasser, meine Schritte wurden auch immer langsamer und das Gehen fiel mir schwer. Dann hab ich das Schaufenster mit dem blauen Kleid vor dem roten Stück Stoff gesehen und konnte mich nicht erinnern, es jemals zuvor schon einmal bemerkt zu haben. Was auch schon sehr seltsam ist, da ich ungefähr jeden zweiten Tag in der Arcade bin. Auf jeden Fall stand ich dann vor diesem Kleid und bemerkte, dass das Summen aus dem Schaukasten kam. Vielleicht war es das Licht, aber eigentlich sirren Lampen anders, wenn sie bereits lange in Betrieb waren. Das Brummen war zu tief. Zu organisch. Ich bin noch näher an den Schaukasten getreten und da sah ich, dass das Kleid sich ganz langsam bewegte. Wie Seealgen im Meer. So wiegende Bewegungen. Und dann habe ich nach oben geguckt und da war eine ganz dünne, wabernde Linie. Silbrig und grün-glänzend im Licht. Ab da hab ich nichts mehr verstanden. Als dann der Vorhang begann sich mit dem Kleid zu bewegen, bin ich nach hinten gewichen und habe mich für verrückt erklärt. Ich dachte mir, dass es für heute wohl zuviel Rotwein und Sonne gewesen war. Das hat mich wieder beruhigt und ich fand alles in einem Male eigentlich ganz lustig. Habe es dann schnell photographisch festgehalten, weil das für mich auf jeden Fall ein sehr belebender Moment war. Mein Herz hat zumindest fast einen kleinen Aussetzer gehabt. Aber dann verstand ich unter dem Gesumme nicht mehr nur Gesumme, sondern hörte einen Namen heraus. Lisel Lisel. Und ich musste an die Geschichte von Louis Aragon denken, in der er von seiner Begegnung mit Lisel, einer Meerjungfrau, in einem der Schaufenster in der Passage de L’Opera berichtet. Und dann sah ich vor mir, wie Lisel in diesem blauen Kleid in dem Schaukasten umherschwimmt und bin gegangen. Nicht normal gegangen, sondern eher gerannt, straks wieder hinaus in die Nacht, durch denselben Eingang, durch den ich gerade erst gekommen war.

Werbeanzeigen